Kapitel 1: „Ich gründe jetzt. Also wirklich.“
1.1: Notar, Ämter und Wahnsinn
Ich sitze im Wartezimmer des Notars und starre auf eine vergilbte Topfpflanze in der Ecke und ein gerahmtes Diplom an der Wand. Eigentlich sollte ich mich freuen – heute gründe ich meine eigene Firma, eine UG (haftungsbeschränkt). Der erste Schritt in die Selbstständigkeit. Mit 31 Jahren und mehr Leidenschaft für Filme und Nerd-Kram als Kapital auf dem Konto. Ein Ladengeschäft für DVDs, Blu-rays, limitierte Collector’s Editions und Bücher soll es werden. Mein „ehrlicher Nerdhandel“ – so nenne ich das in meinem Kopf. Fair, mit Leidenschaft, auf Augenhöhe mit den Kunden. Keine Abzocke wie bei den großen Ketten. Wer sich anstrengt, wird belohnt, habe ich immer geglaubt. Heute will ich den Beweis antreten.
Die Bürotür geht auf, ein junger Anzugträger nickt mir zu: der Notar. Er begrüßt mich knapp, als hätte er im Hinterzimmer noch weitere Existenzen am Fließband zu beurkunden. In seinem Büro riecht es nach Leder und Geld. Ich setze mich. Er schiebt mir ein paar Papiere hin – Musterprotokoll für die UG-Gründung, Standardkram, sagt er. Er liest monoton vor, was da schon vorgedruckt steht: Firmenname (den ich wochenlang ausgetüftelt habe), Sitz, Stammkapital (lächerliche 1.000 Euro, mehr habe ich nicht zusammengekratzt) und natürlich der Zusatz „haftungsbeschränkt“ – dieser Stempel, der jedem zeigt: Vorsicht, Mini-GmbH am Werk. Ich nicke überall, unterschreibe hier und da. Fühle mich gleichzeitig wichtig und völlig fehl am Platz. Der ganze Akt dauert vielleicht fünfzehn Minuten.
Dann sagt der Notar etwas, das mir den Magen zusammenklappen lässt: „Damit wäre alles erledigt. Die Kosten belaufen sich auf ungefähr 700 Euro, Sie bekommen die Rechnung per Post.“ Sie-ben-hun-dert Euro. Für eine Viertelstunde Vorlesetheater und zwei Unterschriften. Mir klappt die Kinnlade herunter. Ich stammele irgendwas wie „A-aha… ja klar“. Mein Gehirn rechnet im Hintergrund: 700 Euro für 15 Minuten – das sind 2.800 Euro pro Stunde. Ich habe in meinem Leben noch nie 2.800 Euro auf dem Konto gehabt. Der Typ verdient in einer Stunde mein Jahresbudget für nerdiges Luxusspielzeug. Mir ist schlecht.
Mit zitternden Händen packe ich meine Kopie des Gründungsprotokolls ein – in teuer glänzenden Mappen, die bestimmt auch noch auf der Rechnung stehen. Der Notar schüttelt mir mechanisch die Hand:
„Viel Erfolg mit Ihrer Unternehmung.“
Sein Lächeln ist so echt wie Jar Jar Binks. Ich murmele „Danke“ und stolpere raus, vorbei am nächsten Kunden, der schon auf heißen Kohlen sitzt. Draußen atme ich durch. So, Firma gegründet – theoretisch. Praktisch bin ich gerade 700 Euro ärmer, bevor ich auch nur eine DVD verkauft habe.
Ein paar Tage später kommt Post vom Amtsgericht. Ich ahne nichts Gutes, als ich den amtlichen Umschlag sehe –
Absender: Handelsregister.
Im Brief steht in verschachtelten Sätzen ungefähr Folgendes:
Nerdhaven UG (haftungsbeschränkt)
wurde jetzt offiziell ins Handelsregister eingetragen (Hurra?), unter einer kryptischen Registernummer, und ach ja, bitte überweisen Sie 150 Euro Gebühr binnen zwei Wochen. Der Brief liest sich, als hätte Kafka persönlich am Text gefeilt.
„Gemäß § 8 Absatz 1 GmbHG wurde die Eintragung der Gesellschaft Nr. HRB 314159 vorgenommen…“
Bla bla, ich überfliege drei Absätze voller Paragraphen, Verweise, Siegel. Unterschrieben hat irgendein Rechtspfleger, den ich mir als grimmigen Beamten vorstelle, umgeben von Aktenbergen.
Quintessenz: Ich existiere jetzt als Firma – schwarz auf weiß auf DIN A4 – und darf dafür zahlen. Schon wieder zahlen.
Ich gönne mir ein bitteres Lachen. Kafka auf Behördendeutsch und ich mittendrin. Die Bürokratie hat meinen kleinen Traum einmal durch den Fleischwolf gedreht und mir als Formularkuddelmuddel vor die Füße gespuckt. Aber gut, denke ich, das Schlimmste hab ich hinter mir, oder? Firma steht im Register, ich bin offiziell Geschäftsführer meiner eigenen UG. Klingt doch schick.
Fehlt nur noch der praktische Teil: Laden aufschließen, verkaufen, glücklich werden. Fast da.
Denkste. Schritt drei auf meiner Odyssee: das Gewerbeamt. Natürlich muss ich mein Gewerbe offiziell anmelden, sonst wär’s ja zu einfach. Also laufe ich ein paar Tage später mit meinen schönen neuen Firmenpapieren unterm Arm zum städtischen Gewerbeamt. Das Gebäude ist ein Betonklotz aus den 70ern, drinnen riecht es nach kaltem Zigarettenrauch und Langeweile.
Ich ziehe Nummer 42 (passend – die Antwort auf alles, ha!). Nach einer gefühlten Ewigkeit im Wartebereich – genug Zeit, um mir auszumalen, wie ich den Laden einrichte und ob ich mir die Miete überhaupt leisten kann – blinkt endlich meine Nummer auf. Ab ins Zimmer 3B.
Hinter einem Schreibtisch voller Akten sitzt Frau Schnöserich – Typ genervte Sachbearbeiterin kurz vor der Rente. Ohne zu lächeln deutet sie auf den Stuhl.
„Was wollen Sie anmelden?“ fragt sie, als stünde das nicht schon auf dem Formular, das ich online ausgefüllt habe. Ich sage höflich den Namen meiner Firma und erkläre, dass ich ein Einzelhandelsgeschäft eröffne – Filme, Bücher, Nerdzeug eben. Sie zieht eine Augenbraue hoch, als hätte ich gesagt, ich handle mit radioaktivem Müll.
„Branche: Einzelhandel mit Videofilmen und Fanartikeln“,
diktiert sie und tippt es in ihren Computer. Ich nicke eifrig. Wenigstens schreibt sie nicht „geilen Scheiß“ ins Formular.
Sie will meinen Personalausweis sehen, kopiert was, stempelt dreifach irgendein Dokument. Ich unterschreibe wieder. 20 Euro Gebühr werden fällig. Nach Notar und Handelsregister ist das quasi ein Schnäppchen. Ich zahle bar an der Kasse nebenan – wo sonst kriegt man eine Firmengründung für ’n Zwanziger? Die Sachbearbeiterin händigt mir meinen Gewerbeschein aus – ein unscheinbares grünes DIN-A5-Blatt, das bestätigt, dass ich jetzt offiziell ein Gewerbe betreibe. Wirklich feierlich fühlt es sich nicht an.
„Danke und einen schönen Tag“, sage ich noch. Kein Lächeln zurück. Vielleicht darf sie dienstlich nicht lächeln, wer weiß.
Mit dem Wisch in der Hand stehe ich draußen vor dem Amt und sollte mich eigentlich freuen:
Jetzt kann’s losgehen, oder?
Stattdessen habe ich Magengrummeln. Irgendwas sagt mir, dass da noch was kommt. Und richtig: Keine Woche später liegt ein fetter Brief vom Finanzamt im Briefkasten. Ich spüre ein Pulsieren in der Schläfe, als ich den Absender lese. Finanzamt – die zwei gruseligsten Wörter für jeden, der irgendwie Geld verdient. Mir schwant Übles.
Drin ist ein Formular – nein, ein Buch von einem Formular. Die nächste Schlacht in meinem persönlichen Dokumentenkrieg.
„Fragebogen zur steuerlichen Erfassung“.
Zehn eng bedruckte Seiten, die meine frischgebackene Firma in Zahlen und Kästchen pressen wollen.
Sie wollen alles wissen: voraussichtliche Umsätze dieses Jahr, nächstes Jahr, erwarteter Gewinn, wie viele Mitarbeiter (ha! guter Witz), welche Tätigkeit genau, ob ich Kleinunternehmer sein will oder direkt Umsatzsteuer abführen werde, und – ach du heilige Bürokratie – einen ausführlichen Businessplan, um die Ernsthaftigkeit meiner Tätigkeit zu beweisen. Ich stelle mir vor, wie irgendein Finanzbeamter stirnrunzelnd darüber entscheidet, ob mein kleiner Nerdladen wohl profitabel genug ist, um Steuern abzuwerfen, oder bloß ein verkapptes Hobby auf Firmenpapier.
Einen Businessplan… Ich lache trocken auf, allein in meiner kleinen Küche, wo ich den Wust an Formularen ausgebreitet habe. Mein „Businessplan“ besteht bislang aus ein paar Notizen und ganz viel Enthusiasmus.
Und einem Motto: Ich verkaufe geilen Scheiß – ehrlich und direkt. Mehr Plan hatte ich nicht. Also schreibe ich genau das auf. Wirklich. In das Feld „Beschreibung der geplanten Geschäftstätigkeit“ kritzele ich trotzig:
„Ich verkaufe geilen Scheiß an Nerds, die genau das brauchen.“
Zack. Soll der Finanzbeamte doch mal kurz aus seiner Beamtenstarre erwachen.
Ein paar Tage später schicke ich den ganzen Papierstapel ab, mit allen Kreuzchen an gefühlt hundert Stellen. Innerlich bin ich auf alles vorbereitet: Vielleicht lehnen sie meine Steuernummer ja ab, oder ich bekomme einen bösen Brief, dass „geiler Scheiß“ keine zulässige Angabe sei. Vielleicht schicken sie einen Prüfer vorbei, der in meinen leeren Laden guckt und den Kopf schüttelt. Andererseits – vielleicht liest das eh keiner, und mein kleiner Akt der Rebellion verpufft ungelesen in irgendeiner Akte. Egal. Es tat kurz gut, diese zwei Worte aufs offizielle Formular zu setzen – mein stiller Mittelfinger Richtung Bürokratie.
Wenige Wochen später halte ich tatsächlich Post vom Finanzamt in den Händen:
Steuernummer erteilt.
Offenbar hat niemand meinen Kommentar beanstandet – oder niemand hat ihn überhaupt gelesen. Mir soll’s recht sein. Jetzt sind alle Formulare abgeschickt, alle Stempel drauf, alle Gebühren bezahlt. Ich habe es geschafft – ich bin offiziell Unternehmer.
Unternehmer? Ich lache bitter. Eher ein geprügelter Hund, der gerade den Eintrittspreis in den Club der Selbstständigen entrichtet hat. Statt Euphorie fühle ich vor allem Erschöpfung und Zorn. Sollte ich nicht stolz sein? Immerhin habe ich es „richtig“ gemacht, mit Firma und allem drum und dran. Doch der Glanz meiner Gründerträume hat erste Kratzer bekommen. Ich spüre jetzt schon: Dieser Kampf ist noch lange nicht vorbei. Aber egal – Laden renovieren, Ware bestellen, Kunden glücklich machen, das steht als Nächstes an. Dafür muss ich diesen Frust runterschlucken. Augen zu und durch. Schließlich habe ich mir das ja so ausgesucht.


