Eine Weihnachtsgeschichte der bewussten Verblödung

Ein Protokoll aus dem Zentralarchiv der V.F.E.G.

I. Der Proband

Herr Gregor Ignaz Trüb, Abteilungsleiter für Komfortsicherung und geistige Vereinfachung, galt innerhalb der V.F.E.G. lange als vorbildlicher Funktionsträger.
Er vermied Bücher über zehn Seiten, misstraute Gesprächen ohne klare Schuldzuweisung und hielt Ambivalenz für eine Charakterschwäche. Seine Wohnung war wohltemperiert, sein Medienkonsum algorithmisch optimiert, seine Meinungen zuverlässig vorgeformt.

Weihnachten betrachtete Trüb als lästige Unterbrechung seiner Routinen. Gespräche über Sinn, Vergangenheit oder Verantwortung lösten bei ihm akute Abwehrreflexe aus. „Früher war auch nicht alles besser“, pflegte er zu sagen, ohne jemals konkret zu benennen, was genau früher gewesen war.

Die V.F.E.G. führte ihn intern als K3 – Komfort-Maximierer mit leichter Tendenz zur Empörungsdelegation.

II. Die erste Erscheinung – Der Geist der vergangenen Einfalt

In der Nacht vor Weihnachten erschien Trüb eine Gestalt, blass, leicht verpixelt, mit einem Aktenordner unter dem Arm.
Es war der Geist der vergangenen Einfalt.

Er zeigte Trüb Bilder aus seiner Jugend, wie Schulbücher, die ungelesen blieben. Fragen, die er nie gestellt hatte. Diskussionen, die er frühzeitig verließ, weil sie „zu kompliziert“ wurden.

Man sah, wie Trüb lernte, dass Anpassung einfacher war als Verstehen, und wie er begann, Komplexität als persönlichen Angriff zu empfinden.

Der Geist notierte sachlich:
„Hier beginnt die bewusste Entscheidung zur geistigen Schonhaltung.“

Trüb verspürte erstmals ein leichtes Unbehagen, das er nicht sofort mit Ablenkung beseitigen konnte.

III. Die zweite Erscheinung – Der Geist der gegenwärtigen Verblödung

Daraufhin trat der Geist der gegenwärtigen Verblödung auf. Er war schwerer gebaut, trug mehrere Bildschirme vor sich her und sprach ausschließlich in Schlagzeilen.

Er führte Trüb durch Wohnzimmer, Büros und Kommentarspalten.
Überall dieselben Rituale: Empörung ohne Kontext, Zustimmung ohne Prüfung, Ablehnung ohne Kenntnis.

Man sah Menschen, die sich für informiert hielten, weil sie etwas oft genug gehört hatten.

Der Geist erklärte nüchtern:
„Du bist Teil eines stabilen Systems. Deine Denkvermeidung erzeugt Harmonie, aber auch Stillstand.“

Trüb begann zu begreifen, dass sein persönlicher Komfort Teil einer größeren Struktur war.

IV. Die dritte Erscheinung – Der Geist der zukünftigen Restintelligenz

Der letzte Geist sprach kaum. Er zeigte Diagramme, Statistiken, Prognosen.
Gesellschaften, die sich vollständig auf gefühlte Wahrheiten stützten. Bildung als Belastung. Differenzierung als Provokation.

In einer Szene sah Trüb eine Welt, in der niemand mehr widersprach, ohne Einsicht, nur aus Erschöpfung.

Der Geist hielt fest:
„Restintelligenz unter kritischem Schwellenwert. System stabil, Zukunft fragil.“

Zum ersten Mal verspürte Trüb etwas, das er lange nicht gekannt hatte: Zweifel.

V. Die Abweichung

Am Morgen erwachte Trüb verändert. Er fühlte sich nicht erleuchtet oder geläutert, aber ein wenig irritiert.
Er stellte eine Frage, ohne sie sofort selbst zu beantworten. Er hörte zu, ohne sofort zu bewerten. Er ließ einen Widerspruch stehen.

Die V.F.E.G. registrierte die Abweichung umgehend.

Interne Notiz:
„Proband zeigt temporäre Erkenntnisregung. Beobachtung empfohlen. Keine Sanktion.“

Trüb kehrte nicht der Verblödung den Rücken – aber er begann, ihre Mechanismen zu erkennen.

VI. Schlussbemerkung des Instituts

Die V.F.E.G. hält fest:
Nicht jeder Erkenntnismoment führt zur Veränderung.
Doch jede bewusste Irritation stellt eine minimale Störung im System der Einfalt dar.

Weihnachten eignet sich dafür besonders.

„Verblödung ist bequem. Erkenntnis beginnt dort, wo sie kurz unbequem wird.“
— V.F.E.G., Abteilung Festtage & Denkpausen

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