Nuclear Games – Glutnester der Menschlichkeit, Kapitel I+II.

„Vielleicht ist Menschlichkeit das, was bleibt, wenn nichts mehr übrig ist – und trotzdem jemand bleibt.“ Max

I. Erinnerungen

Erinnerungen sind wie Sand an einem weißen Strand. Sie sind in vielen kleinen Stücken vorhanden und haben in sich keinen Sinn. Erst mit etwas Abstand betrachtet zeigen die Erinnerungen ihre wahre Schönheit oder einen Weg in die Hölle. Als ich hier oben auf dem Gipfel des kleinen Hügels stehe und auf die Landschaft unter mir herunterschaue, kommen die Erinnerungen aus einer längst vergangenen Zeit wieder hoch. Eine Zeit vor dem großen Knall, als es mehr Menschen gab.

Die in Trümmern liegende Straße, die sich um den Hügel herumschlängelt, fügt sich in meinen Erinnerungen zu einer belebten Tangente zwischen den vielen Ortschaften, die damit verbunden waren. Emsig fuhren die Menschen in Autos hin und her, um Besorgungen zu machen, zur Arbeit zu fahren, Verwandte zu besuchen oder einfach um Spaß zu haben. Es waren faszinierende, aber auch stressige Zeiten. Die Menschen hatten vor dem großen Knall und der Verdunkelung trotz aller Annehmlichkeiten, die das moderne Zeitalter bot, keine Zeit, um einfach glücklich zu sein.

Alles musste schnell gehen, nichts war von Dauer, viele waren unzufrieden, aber so tief in dem Trott des Alltags verwurzelt, dass es für die meisten Menschen nahezu unmöglich war, dem Unglücklichsein zu entkommen, dem Stress zu entfliehen, der Gier zu entsagen, den Zwängen zu widerstehen oder den falschen Mächtigen, die sich als die Heiler der Welt ausgaben, zu widerstehen.

Und was haben Sie geheilt? Gar nichts.

Ganz im Gegenteil. Sie haben die Welt an den Rand des Abgrundes gebombt. Der darauffolgende nukleare Winter sorgte für eine neue Eiszeit, die nur wenige Menschen überlebten. Niemand war darauf vorbereitet, denn alle waren so extrem mit sich selbst beschäftigt. Sie waren sich selbst fremd geworden. Ein unheiliger Despot von einem der größten Kontinente der Erde hat den letzten Schritt der Menschheit getan. Er hat die Knöpfe gedrückt, die die Welt, wie wir sie kannten und liebten und auch hassten, für immer verändert hatte. Er hat den Menschen die elektronischen Spielzeuge weggenommen, die Lebensgrundlage entzogen und Millionen von Menschen in den Tod geschickt.

Als die sozialen Netzwerke starben, herrschte endgültig das Chaos. Die Menschen, die die ersten Katastrophen überlebt hatten, gingen auf die Straßen und schrien um sich, als hätte man ihnen das Räppelchen weggenommen. Die Welt stürzte abermals in Anarchie und alles, was übrig blieb, liegt nun zu meinen Füssen.

„Hey, Max, komm rein, es gibt Abendessen. Außerdem beginnt gleich die Sperrstunde.“

„Ja, ich komme gleich. Und … wen interessiert die Sperrstunde hier draußen?“

Seit fast 10 Jahren leben wir nun schon auf diesem Hügel, fern ab der nächsten menschlichen Ortschaft, die von einem Militärregime, oder wie auch immer man das nennen will, was die dort treiben, regiert wird. Im Umkreis gibt es zehn solcher Dörfer. Meist leben ein paar Hundert Menschen mit ihren Tieren innerhalb der stark befestigten Tore, die so uneinnehmbar erschienen, wie die Burgen in dieser alten Fernsehserie. Sie wissen schon. Die mit den Drachen und der Königin. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre die Welt in dieser Fantasy-Serie Realität geworden. Natürlich nur in meinen Träumen, wenn ich mich an die schönen Dinge der alten Welt erinnere.

Was waren das für Zeiten. Filme, Kino, DVD, Serien und, was ganz wichtig ist, Bücher. Bücher haben wir heute noch. Wir verwahren sie in einem geschützten Raum, damit sie durch die Witterungen nicht zu sehr angegriffen werden. Regelmäßig sitze ich in diesem Raum und lesen in einem guten Buch und erinnere mich an eine fröhlichere Zeit, eine Zeit, in der die Sonne schien. Eine warme Welt mit verschiedenen Jahreszeiten und mit vielen Menschen. Leider auch vielen dummen Menschen, die uns erst in diese Situation brachten.

„Hey, das Essen wird kalt. Jetzt komm endlich rein. Du holst dir noch eine Erkältung.“

„Ja, ich komme.“ Meine liebe Frau Yvette, sie kocht immer so wundervolle Dinge, die das Leben erst wieder so richtig lebenswert machen. Geschmacksexplosionen, die wiederum die Erinnerungen aufkeimen lassen.

„Hey, alter Junge, wie geht es meinem kleinen Wolf?“

Das ist er, unser Wolf. Der treueste Gefährte, der uns jemals begegnet ist. Sein graubraunes Wolfsfell glänzt seidig im Lichte des Feuers. Ein wunderschönes Tier.

„Hier, Großer, das ist für Dich.“ Wir fanden ihn eines Tages am Fuße des Hügels in einer Höhle. Ich glaube, das müsste ungefähr fünf Jahre her gewesen sein. Er war ein kleines Fellknäuel, das kaum laufen konnte. Er war schwach und krank. Sein drittes Auge war verletzt und entzündet. Ja, genau. Er hat ein drittes Auge. Seit einigen Jahren kommen immer wieder Tiere und andere Lebewesen mit Mutationen in unsere Gegend. Einige davon sind gutartig, andere wieder nicht. Dreiaugenwölfe sind eigentlich alles andere als gutartig, denn sie wissen genau, was die Menschen der Welt angetan haben. Sie spüren in den Menschen die bösartigen Gedanken, sie wissen genau, was Menschen für schreckliche Lebewesen sein können.

Zumindest bilden wir uns das ein, weil der gute Felix immer wieder auf uns aufpasst und anderen Menschen mit Argwohn entgegentritt. Er mag keine anderen Menschen. Bis auf wenige Ausnahmen natürlich. Er scheint eine Art Antenne für böse Menschen zu haben.

„Hey, Onkel Max, erzählst Du uns wieder eine Geschichte von der Welt, wie sie früher mal war? Oder … erzähle uns von der Zeit nach dem Knall.“

„Ok, Sophia, aber erst essen wir, dann erzähle ich Euch von den silbernen Türmen, die früher bis in die Wolken reichten.“

„So hoch? Ist das wahr?“ fragt Chis.

„Oh ja, sie waren unglaublich. Aber auch heimtückisch und gefährlich. Aber esst erst einmal.“

II. Tristesse

-1-

Das fahle Tageslicht, sofern man überhaupt von Licht sprechen kann, scheint durch die Fensterritzen. Schweißgebadet wache ich auf. Mist, wieder ein Traum.

„Kinder?“ frage ich laut. Aber hier ist niemand, der meine Worte hören kann. Mist. Meine Gedanken kreisen um diesen wunderbaren Traum. Das will ich auch haben. Menschen, die sich um einen sorgen und nicht für die nächste Mahlzeit einen Pfeil durch deinen Kopf schießen wollen.

„Yvette?“. Sie ist nicht hier. Wie sollte sie auch? Wir wurden bei der großen Flut kurz nach dem nuklearen Feuer voneinander getrennt. Ob sie wohl noch lebt? Ich gebe mich da keiner Illusion hin.

Ich erinnere mich genau, als dieser verrückte Despot zu immer grausameren Waffen gegriffen hat, um die gesamte Welt zu unterjochen. Mit seinen Lügen und Propaganda-Videos konnte er die Menschen zu Handlungen bewegen, die eigentlich nur ihm halfen. Wie die Lemminge folgten viele Menschen diesem grausamen Tyrannen. Als sie merkten, was er wirklich vorhatte, war es bereits zu spät.

Der Dritte Weltkrieg startete vor ziemlich genau 10 Jahren und dauerte nur wenige Monate. Als die Bomben fielen und der letzte Tag der Menschenwelt, wie wir sie kannten, angebrochen war, schlug auch Mutter Natur zurück. Sie hatte sprichwörtlich die Nase voll von der Torheit der Menschen. Ich war damals knapp 20 Jahre alt.

Wie lange das nun her ist? Da fragen Sie mich was. Uhren und Handys gibt es nicht mehr.

Kein Tik Tok, kein Piep Piep, kein Scrollen, kein Newsfeed. Zeitmessung? Durch die elektromagnetischen Impulse der Atombomben gibt es keine modernen Uhren mehr. Ich könnte nicht sagen, wie lange es bereits her ist. Ich schätze mal, dass seit der Katastrophe 10 Jahre vergangen sind. Anfangs habe ich mir selbst Kalenderblätter gemalt und jeden Tag ein Kreuz gesetzt. Aber nach unzähligen Blättern, ich schätze mal ungefähr einhundert, sind mir die Seiten ausgegangen. Außerdem erscheint mir dies wie ein Countdown zum Unvermeidlichem zu sein. Nein, wer will schon an so etwas denken.

Ich hatte neben diesen Kalenderresten noch eine alte Postkarte hängen. Oh ja, tatsächlich, eine dieser Ansichtskarten, die man früher den Menschen geschickt hat, die man liebte, oder auch nicht.

Das vergilbte Foto zeigte die Skyline einer riesigen Stadt aus Glas, Stahl und Beton. Riesige Türme, die sich anschickten, mit den Wolken im Himmel tanzen zu wollen.

Ich bin tief in meinen Gedanken versunken, als ich plötzlich ein Wimmern höre. Dieses Wimmern verheißt nichts Gutes. Eine noch nicht so alte Legende unter den Menschen aus den Dörfern besagt, dass, wenn du dieses Wimmern hörst, dein letztes Stündlein angebrochen ist. Bisher ist niemand diesem Wimmern entkommen. Ich spürte es, es war ganz nah. Dieses Ungeheuer, das erst wimmert und dich dann mit Haut und Haare zum letzten Mahl geleitet.

Mit Legenden ist das immer so eine Sache. Sie beinhalten viele dummes Zeug, aber auch ein Quäntchen Wahrheit. Das Wimmern kommt näher. Stille. Kein Laut ist zu hören. Es scheint, als wäre selbst der Wind vor Angst erstarrt. Es ist direkt vor der Tür. Habe ich sie abgeschlossen?

Ein Wimmern, das direkt durch das Gehirn zu schneiden scheint, zerteilt die Dunkelheit. Ich spüre, wie sich mein Herz zusammenzieht, die Muskeln spannen sich an. Ich bin bereit. Aber wofür? Langsam öffnet sich die Tür. Scharniere quietschen und zerren an den Nervenenden, wie ein Gitarrist sein Instrument missbraucht.

Da ist er, der Schatten, der das Ende bringt. Das fahle Mondlicht scheint durch die Tür und wirft eine Monstrosität an die Wand, das direkt aus Dantes Inferno entsprungen sein könnte. Es wimmert und mault. Das sind ja ganz andere Töne.

Das Es ist da.

Es kommt durch meine Tür und es hat Hunger.

Was ich jetzt mache?

Es ist Zeit für das Frühstück.

„Hey, mein Junge, komm rein.“

Der große dreiäugige Wolf schreitet durch die Tür und nähert sich.

„Na, Großer, wo warst Du denn schon wieder.“

Ich streichle meinen besten Freund unter seinem Kinn. Ihr müsst wissen, dass dreiäugige Wölfe erst nach der Katastrophe aufgetaucht sind. Sie sind gequälte Seelen in einer gequälten Welt. Sie wimmern, weil sie die Welt anders wahrnehmen als jedes Lebewesen dieser Welt. Aber es ist wahr, bisher hat niemand einen wimmernden Wolf überlebt.

Mein Freund hier, ich nenne in Canto, nach einem alten Husky aus einer anderen Welt, vor dem Ende, ist die pure Essenz des Lebens.

Als ich mich auf einen Stuhl setze, kommt er ganz nah an mich heran. Wie bei einem Ritual drückt er seinen Kopf direkt auf meine Stirn. Ach, was heißt hier wie, es ist ein Ritual bei jedem Mal, wenn wir uns begegnen. Ich spüre, wie sich meine Haut zusammenzieht, ein Schauer zieht sich durch meinen Körper. Es ist wie ein Rausch, wie eine Verbindung.

Er weiß genau, wer ich bin. Wahrscheinlich weiß er mehr über mich als ich selbst. Ich spüre seinen Geist in mir, wir sind verbunden.

Ich schließe meine Augen und ich sehe seinen Weg. Ich sehe, was er gesehen hat.

Was er gesehen hat? Das ist nicht für Eure Augen und Ohren bestimmt. Vielleicht später. Aber jetzt wird erst einmal gefrühstückt. Die Sonne bahnt sich langsam ihren Weg an den Bäumen vorbei und versucht zaghaft, aber unaufhaltsam den Mond zu verdrängen.

„Es ist Zeit, wir müssen gleich los.“ Canto wimmert zustimmend.

-2-

Ich will ehrlich zu euch sein, ich verstehe es ja selber noch nicht. Aber ich spüre, dass Canto ein ganz besonderer Wolf ist. Er ist anders als all die Wölfe, denen ich je begegnet bin. Die meisten Wölfe haben kein großes Interesse an den Menschen, außer vielleicht als Snack für das Rudel.

Die dreiäugigen Wölfe sind ganz anders, sie sehen die Welt, wie sie wirklich ist. Sie sind Wegbegleiter für die einen und das untrügerische Ende für die anderen. Man könnte sie als Begleiter zu einer anderen Ebene bezeichnen. Auch wenn das der Sache nicht ganz gerecht wird.

Als ich Canto fand, … na ja, eigentlich hat er mich gefunden, waren wir beide auf einem fehlgeleiteten Weg. Er hat mich gerettet, so wie ich ihn gerettet habe. Damals war er kaum größer als eine normale Hauskatze.

Seine Mutter mit nur zwei Augen lag tot neben ihm. Sie blutete aus großen Wunden. Es sah so aus, als ob ein riesiges Etwas ein großes Stück von ihrem Körper abgebissen hätte.

Der kleine Welpe wimmerte und schaute mich mit seinen drei großen Augen an. Damals wusste ich noch nicht, was das mit den drei Augen auf sich hat. Und irgendwie weiß ich das selbst heute noch nicht. Ich nahm den Welpen auf und machte mich auf dem Weg, den Hügel zu erklimmen.

Die Sonne war bereits am Zenit angekommen. Es war Zeit, nach einem Unterschlupf zu suchen, denn sonst würde der Kleine nicht überleben. Ich bewegte mich schneller vorwärts. Wir müssen hier weg. Schnell. Sie werden bald kommen.

Die Hozer. Fuck.

Ich konnte sie schon hören. Ein Pfeifen und Trillern, wie man es nur schwer beschreiben kann. Es geht durch Mark und Bein. Die Geräusche, sie sind überall. Direkt vor uns baute sich eine Schattengestalt auf. Ein Mensch, dachte ich. Ich wollte schon um Hilfe bitten, als der kleine Welpe unter meiner Jacke hervorkrabbelte und seinen Kopf auf meine Stirn drückte. Ich taumelte zurück und viel in eine Art Loch. Ich spürte eine Welle von Bildern, Gedanken und Wege.

Was bist du?

Ich erwachte kurze Zeit später und ich wusste genau, wo wir jetzt hinmüssen, um sicher die Nacht überleben zu können. Der kleine Kerl wies mir den Weg zu dieser meiner Hütte.

Ja, mein Freund Canto hat auch mich gerettet. Ich war damals ein Verlorener in einer verlorenen Welt. Ich war ein Mann ohne Ziel und ohne Heimat. Ich fühlte mich fremd in einer fremden Welt. Ganz besonders unter Gleichgesinnten, unter Menschen. Ich war immer schon anders als alle anderen. Schon vor dem Ende war ich ein Fremder im eigenen Land. Ich fühlte mich unverstanden. Die katastrophalen Zustände vor dem Ende waren nicht gerade förderlich für dieses Gefühl.

Alle diese Gefühle änderten sich, als ich auf Canto traf, er zeigte mir, wer oder was wir sind. Ich kann es nicht erklären, aber es fühlt sich richtig an.

Ich bin nun nicht mehr der einsame Verrückte, der Freak.

Ich bin der mit dem dreiäugigen Wolf.


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Ein poetisch-düsterer Roman über das Überleben nach der Apokalypse. Nuclear Games – Glutnester der Menschlichkeit erzählt von Hoffnung, Liebe und der Kraft kleiner Gesten in einer zerstörten Welt. Für alle, die mehr suchen als Action – und das Feuer in sich bewahren wollen.


  • Auszug aus Max‘ Notizbuch: Weltuntergang (Erinnerung an 2026)
    In Nuclear Games beginnt die Geschichte mit Erinnerungen an eine verlorene Welt – und der Entstehung einer einzigartigen Verbindung zwischen Max und dem dreiaugigen Wolf Canto. Eine melancholische Reise durch Asche, Angst und Hoffnung, erzählt mit leiser Kraft und eindringlichen Bildern. Menschlichkeit beginnt dort, wo alles andere endet.
  • Nuclear Games – Glutnester der Menschlichkeit, Kapitel I+II.
    In Nuclear Games beginnt die Geschichte mit Erinnerungen an eine verlorene Welt – und der Entstehung einer einzigartigen Verbindung zwischen Max und dem dreiaugigen Wolf Canto. Eine melancholische Reise durch Asche, Angst und Hoffnung, erzählt mit leiser Kraft und eindringlichen Bildern. Menschlichkeit beginnt dort, wo alles andere endet.
  • Ankündigung: Nuclear Games – Glutnester der Menschlichkeit
    Nuclear Games – ein postapokalyptischer Roman über Menschlichkeit in einer zerstörten Welt. Max, Sarah und ein dreiaugiger Wolf durchqueren Ruinen, suchen Hoffnung und finden Nähe. Eine Geschichte über Verlust, Liebe und das, was uns im Innersten verbindet – selbst wenn alles zerbricht.