Scene 42 entstand in keiner Markenberatung. Niemand legte uns eine Präsentation mit Zielgruppenpyramide, Zukunftsvision und einem Foto von Menschen vor, die erfreut auf Haftnotizen zeigen. Es gab auch keinen Workshop, in dem wir drei Stunden lang unsere „Markenessenz“ ertanzen mussten.
Scene 42 entstand, weil der Begriff Sonderband schließlich den Eindruck erweckte, als seien einige unserer wichtigsten Bücher lediglich Beiwerke. Das waren sie aber schon längst nicht mehr.
Die großen MovieCon-Bände hatten sich von ihrem Ursprung entfernt. Sie waren dicker geworden, aufwendiger, bildstärker und inhaltlich geschlossener. Einige behandelten komplette Filmreihen, andere Schauspieler, Klassiker, Genres oder ganze Popkulturwelten. Sie bekamen Hardcover, neue Ausgaben, Buchrücken mit erheblicher Grundfläche und teilweise eine Ausstattung, bei der selbst der Paketbote kurz prüfen musste, ob er gerade ein Buch oder eine kleinere Gehwegplatte trägt.
Der alte Name erzählte, woher diese Bücher kamen.
Scene 42 soll zeigen, was aus ihnen geworden war.
Am Anfang war kein Filmarchiv

Am Anfang war eine Convention. Im Jahr 2019 entstand aus einer beiläufigen Idee eine Website über Conventions, Schauspieler und Veranstaltungen. Daraus wurde das gedruckte „Convention Magazin“. Aus dem Convention-Heft wurde während der Corona-Zeit das „MovieCon Magazin“, weil Veranstaltungen verschwanden und Filme plötzlich das gesamte redaktionelle Überleben sichern mussten.
Ein vernünftiger Mensch hätte die Lage vermutlich beobachtet, Kosten berechnet und das Projekt vorsichtig verkleinert. Wir bauten stattdessen ein Sonderheft über „Freitag der 13.“.
Das geplante Heft wuchs auf 124 Seiten im A4-Format. Es verkaufte sich. Später kam eine Hardcover-Ausgabe. Danach folgten weitere Bände, darunter „Saw“, „Halloween“, „Dawn of the Dead“ und schließlich „Evil Dead“, ein großer Filmband mit 212 farbigen A4-Seiten.

Das Heftmodell hatte sich damit praktisch selbst abgeschafft. Die Leser wollten Bücher, die länger blieben als eine Magazinausgabe. Sie wollten Themenbände, Sammlerstücke und ausführliche Beschäftigungen mit Filmen, die sie seit Jahren oder Jahrzehnten begleiteten. Aus dem Magazin war eine Filmbuchwelt geworden, obwohl niemand rechtzeitig ein Schild aufgestellt hatte, das diesen Umbau ankündigte.
Das ist ein wiederkehrendes Verfahren bei Colla & Gen: Erst wird etwas gebaut. Danach finden wir heraus, was es eigentlich ist.
MovieCon konnte irgendwann alles und erklärte dadurch zu wenig
Lange Zeit war die MovieCon der wichtigste gemeinsame Nenner.
Der Name stand für Magazin, Sonderheft, A4-Filmbuch, Special Edition, Film Dimensions, Movies-To-Go, Webshop und gelegentlich vermutlich auch für Dateien, deren genaue Funktion selbst uns nach drei Monaten nicht mehr klar war.
Diese Offenheit hatte Vorteile. Unter MovieCon konnte vieles entstehen, ohne dass vorher eine komplette Markenordnung genehmigt werden musste. Es reichte, dass ein Stoff interessant war und jemand den fatalen Satz sagte: „Daraus könnte man doch ein Buch machen.“
Mit der Zeit wurde das Programm schwerer lesbar. Ein kompakter A5-Band über einen einzelnen Film folgt einer anderen Idee als ein 300-seitiger A4-Werkband. Eine textorientierte Analyse verlangt eine andere Gestaltung als eine farbige Sammlerausgabe. Ein Buch über italienisches Exploitation-Kino braucht einen anderen Ton und ein anderes Regal als ein Archivband über Bud Spencer und Terence Hill.
Unter MovieCon standen diese Bücher nebeneinander, obwohl sie längst verschiedene Aufgaben erfüllten.
Die Lösung bestand nicht in einer weiteren Unterzeile unter dem MovieCon-Logo. Davon gab es bereits genug. Die Bücher brauchten erkennbare Räume.
Movies-To-Go wurde zur kompakten, bebilderten Analysebibliothek. Film Dimensions bekam die ruhigere, textorientierte Filmbuchlinie. Dead Ends Archive übernahm Horror, Exploitation, Monster, Bahnhofskino und die gepflegten Abgründe des Genres.
Für die großen A4-Bände blieb eine Lücke.
Dort zog Scene 42 ein.
Was Scene 42 ist
Scene 42 ist das Filmarchiv des Colla & Gen Verlags.
Die Reihe versammelt großformatige Bände über Filmklassiker, Franchises, Schauspieler, Serien, Retrothemen und popkulturelle Phänomene. Diese Bücher brauchen Fläche. Für Bilder, Werkgeschichte, Szenenanalysen, Produktionshintergründe, Motive, Figuren, Erinnerungen und jene Nebenwege, die bei Filmen häufig genauso aufschlussreich sind wie die offizielle Entstehungsgeschichte.
DIN A4 gehört zur Arbeitsweise, denn eine Bildstrecke braucht Luft. Ein Vergleich zwischen Filmen muss auf einer Doppelseite funktionieren. Plakate, Szenen, Dokumente und grafische Elemente sollen erkennbar bleiben. Der Band soll sich aufschlagen lassen wie ein Archiv und nicht wie eine Bedienungsanleitung für einen Wasserkocher.
Die Reihe ist bildstark, aber kein Bilderlager. Jeder Band braucht einen gedanklichen Zugriff. Er soll ordnen, erklären und Zusammenhänge herstellen. Die Gestaltung darf kraftvoll sein, soll aber nicht nach einem nachgebauten Kinoplakat oder einer zufällig gebundenen Fan-Collage aussehen.
Deshalb besitzt Scene 42 eine feste Umschlagarchitektur, ruhige Buchrücken, eine erkennbare Titelführung und das Colla-&-Gen-Logo als Verlagsdach. Die einzelnen Bücher dürfen sehr verschieden aussehen. Im Regal sollen sie trotzdem zusammenpassen.
Weshalb „Filmarchiv“?
Der Begriff passte besser als alles, was wir vorher benutzt hatten.
„Sonderband“ stammt aus der Magazinwelt. Ein Sonderband erscheint neben etwas Regulärem. Er ist der größere Bruder einer normalen Ausgabe, ein Extra, ein gelegentlicher Ausbruch aus dem üblichen Programm.
Unsere Filmbücher waren aber schon längst das reguläre Programm.
Sie behandelten Stoffe, die gesammelt, gesichtet und in eine Form gebracht werden mussten. Manche hielten komplette Franchises fest. Andere folgten einem Schauspieler durch mehrere Jahrzehnte. Wieder andere sicherten Themen, die im schnellen Kulturstrom kaum noch jemand ausführlich bearbeitet.
Ein Archiv bewahrt allerdings nicht einfach alles auf, was zufällig herumliegt. Es wählt aus, ordnet und macht Material auffindbar. Genau darin liegt die Aufgabe von Scene 42.
Die Bücher sollen erklären, warum bestimmte Filme geblieben sind. Warum eine Figur Generationen überlebt. Warum ein Franchise seine Wirkung verliert oder neu gewinnt. Warum ein Bild, ein Klang oder eine Szene Jahrzehnte später noch im Kopf sitzt.
Manche dieser Filme sind jederzeit verfügbar. Andere verschwinden zwischen wechselnden Streamingrechten, eingestellten Editionen und Fassungen, über deren Existenz sich Sammler mit der Gelassenheit verfeindeter Kleinstaaten austauschen.
Verfügbarkeit ist noch keine Erinnerung.
Scene 42 arbeitet an der Erinnerung.
Das Archiv ist kein Mausoleum
Filmarchive können ehrwürdig klingen. Leider klingt „ehrwürdig“ oft auch nach geschlossenen Türen, Staubschutz und einem Herrn, der einen Antrag in dreifacher Ausfertigung verlangt, bevor jemand eine Schublade öffnen darf.
Scene 42 soll kein Mausoleum für alte Filme werden.
Die Bücher behandeln ihre Themen als lebendige Kultur. Ein Film bleibt nicht allein deshalb bewahrt, weil man sein Erscheinungsjahr und seine Besetzung genau festhält. Er bleibt im Gedächtnis, weil die Menschen über ihn sprechen, ihn in einem neuen Licht sehen, sich an ihn erinnern, ihm widersprechen und seine Bilder auf ihre eigene Lebenszeit beziehen.
Ein Film aus den 1970er- oder 1980er-Jahren sieht heute anders aus als bei seiner Veröffentlichung. Die Kopie ist dieselbe. Der Blick darauf hat sich verändert.
Was früher selbstverständlich wirkte, kann inzwischen fremd erscheinen. Ein alter Spezialeffekt verliert vielleicht seine technische Illusion, gewinnt aber als handwerkliches Dokument. Ein Actionheld wird vom Wunschbild zum Zeitzeugen. Eine einst verspottete Fortsetzung lässt plötzlich erkennen, was eine Filmreihe über ihre eigene Erschöpfung aussagt.
Ein gutes Filmbuch friert diese Veränderungen nicht ein. Es macht sie sichtbar.
Und warum ausgerechnet 42?
Wer Douglas Adams gelesen oder „Per Anhalter durch die Galaxis“ gesehen hat, kennt die 42 als Antwort auf die große Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.
Das Problem lag bekanntlich weniger bei der Antwort als bei der Frage.
Für eine Filmbuchreihe war das schwer zu überbieten.
Filme liefern selten eindeutige Antworten. Gute Filme erzeugen neue Fragen. Warum berührt uns eine Szene, obwohl wir ihre Mechanik kennen? Weshalb bleibt ein gescheiterter Film manchmal länger im Gedächtnis als ein makelloser? Warum verteidigen Menschen den dritten Teil einer Reihe, bei dem selbst die Beteiligten vermutlich zwischendurch den Überblick verloren hatten?
Scene 42 trägt die Antwort bereits im Namen und widmet sich trotzdem den Fragen.
Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Die Geschichte der 42, ihre Popkulturspuren und ihre erstaunliche Eignung für einen Verlag mit chronischer Themenvermehrung verdienen einen eigenen Essay.
Nur so viel: Für ein Filmarchiv, das niemals alles abschließend beantworten kann, ist 42 ziemlich nah an der perfekten Zahl.
Scene statt Shelf, Reel oder Cine irgendwas
Auch „Scene“ war eine bewusste Wahl.
Filme leben in Szenen. Häufig erinnern wir uns nicht an die vollständige Handlung, sondern an einen Moment, wie etwa eine Tür im Halbdunkel, einen Blick in den Rückspiegel, eine Gestalt am Ende eines Korridors, einen Satz, einen Musikeinsatz, einen Schnitt.
Eine Szene verdichtet einen ganzen Film. Sie kann eine Figur erläutern, ohne sie dabei zu überinterpretieren. Sie kann ein Genre verändern. Sie kann sich aus ihrem ursprünglichen Werk lösen und Teil der Popkultur werden. Manchmal überlebt sie sogar den Film, aus dem sie stammt.
Unsere Bücher beginnen oft genau dort. Bei einer Szene, einem Bild, einer Entscheidung. Von dort aus führen sie weiter in Produktion, Psychologie, Philosophie, Filmgeschichte, Fankultur oder Zeitgefühl.
Scene 42 klingt deshalb zugleich nach Filmstelle und Archivnummer. Als hätte jemand einen besonders hartnäckigen Moment katalogisiert, damit er nicht wieder verloren geht.
Das war deutlich passender als „MovieCon Sonderband Nummer 87b, überarbeitete Handelsausgabe, Farbe“.
Obwohl das intern vermutlich weiterhin irgendwo in einer Tabelle steht.
Die Herkunft bleibt sichtbar
Mit Scene 42 wird MovieCon nicht aus der Verlagsgeschichte retuschiert.
Dafür war MovieCon zu wichtig. Dort wurde ausprobiert, gelernt, falsch kalkuliert, neu gestaltet und wieder von vorn begonnen. Die ersten Sonderbände trugen noch deutlich die DNA eines Magazins. Manche waren laut, voll und gestalterisch auf einem Stand, den wir heute anders lösen würden.
Diese Bücher gehören trotzdem zu uns.
Sie zeigen, wie sich der Verlag entwickelt hat. Ohne die frühen MovieCon-Bände gäbe es keine feste Umschlaglogik, keine Special Editions, keine Erfahrung mit A4-Satz, keine gewachsene Leserschaft und wahrscheinlich auch keine Bereitschaft, sich freiwillig mit vier Zentimeter breiten Buchrücken zu beschäftigen.
Scene 42 löscht diese Vergangenheit nicht. Die neue Reihe führt sie redaktionell weiter.
Ältere Titel werden geprüft, überarbeitet und dort neu eingeordnet, wo sie heute hingehören. Manche wechseln vollständig zu Scene 42. Andere passen besser zu Movies-To-Go, Film Dimensions oder Dead Ends Archive. Einige Ausgaben bleiben historische MovieCon-Bücher. Und ein paar werden vermutlich irgendwann in einem Ordner liegen, den niemand ohne Schutzkleidung öffnen sollte.
So sieht Verlagsgeschichte aus, wenn man sie nicht nachträglich glattbügelt.
Colla & Gen übernimmt das Dach
Der Umbau betrifft auch den Verlag selbst. MovieCon war lange sichtbarer als Colla & Gen. Das lag an den bekannten Filmtiteln, den großen Covern und einer Marke, die bereits ein eigenes Publikum hatte. Inzwischen veröffentlicht Colla & Gen weit mehr als Filmbücher: Gesellschaftssatire, Nerd-Chroniken, autobiografisch geprägte Literatur, Romane und Kinderbücher.
MovieCon konnte dieses gewachsene Programm nicht mehr sinnvoll repräsentieren.
Colla & Gen rückt deshalb nach vorn. Der Verlag bildet das Dach. Darunter liegen klar benannte Buchwelten mit eigener Stimme und eigener Gestaltung. Scene 42 übernimmt dabei die großen Filmarchive. Diese Ordnung zieht sich inzwischen durch das gesamte Programm.
Das klingt verdächtig vernünftig.
Keine Sorge. Die Ideen entstehen weiterhin mit der üblichen Mischung aus Begeisterung, Überforderung und der Unfähigkeit, einen interessanten Stoff einfach liegen zu lassen.
Wir haben den Wahnsinn lediglich beschriftet.
Welche Bücher gehören zu Scene 42?
Ein Scene-42-Band braucht einen Grund für seine Größe.
Das kann ein umfangreiches Franchise sein, eine jahrzehntelange Karriere, ein Klassiker mit großer Wirkungsgeschichte oder ein Thema, das Bildmaterial und ausführliche Einordnung verlangt. Auch analoge Medienkultur, Retrogeschichte und ausgewählte Serien finden dort ihren Platz.
Scene 42 ist kein automatischer Aufstieg für jedes Filmbuch. A4 bedeutet höhere Druckkosten, mehr Layoutarbeit, größere Datenmengen und einen Versand, bei dem sich die Verpackung nicht mit einem freundlichen Luftpolsterumschlag erledigen lässt.
Für diese Reihe muss deshalb eine Auswahl getroffen werden.
Manche Filme tragen einen kompakten Movies-To-Go-Band. Andere funktionieren als textorientierte Film-Dimensions-Ausgabe. Horror- und Exploitation-Geschichte kann im Dead Ends Archive besser aufgehoben sein. Gelegentlich trägt eine Idee auch einfach kein Buch, obwohl sie um zwei Uhr nachts für einen kurzen Moment wie der Beginn eines zwölfbändigen Standardwerks wirkte.
Scene 42 bekommt die Stoffe, die wirklich ein großes Regal brauchen.
Was bleiben soll
Szene 42 ist keine Abkehr von „MovieCon“. Die Reihe vollzieht einen Schritt in Richtung Reife.
Aus Sonderheften wurden Bücher. Aus einzelnen Büchern entstand ein Programm. Aus einer Filmmarke entwickelte sich ein Verlag mit mehreren klaren Linien. Der alte Name bleibt Teil dieser Geschichte, mitsamt seinen Erfolgen, Fehlern, Umwegen und erstaunlich vielen endgültigen Druckdateien.
Scene 42 gibt den großen Filmbüchern nun einen Ort, der zu ihrer heutigen Form passt. Ein Archiv für Klassiker, Stars, Franchises, Szenen, Erinnerungen und Popkultur.
Gebaut auf dem Fundament von MovieCon.
Unter dem Dach von Colla & Gen.
Mit der Antwort auf alle Fragen bereits im Namen und vermutlich trotzdem nie um eine neue Frage verlegen.

